19.08.2012


Berlin, es wird Nacht

"Die Menschen sind so einfältig und hängen so sehr vom Eindruck des Augenblickes ab, dass einer, der sie täuschen will, stets jemanden findet, der sich täuschen lässt."

-Niccolo Machiavelli- 

 

Das Prinzip der medialen Manipulation des Zeitgeistes und des einzelnen Gemütes  ist vielen Menschen bekannt; die Manipulation über Schlagzeilen, Nerv tötender Werbespots oder Hollywood Filmtheater ist zumindest einer gebildeten Mehrheit ein Begriff. Diese Dinge sind nichts Neues und es gibt unzählige nützliche oder auch weniger nützliche Abhandlungen zu diesem Thema.

Eine wichtige, aber relativ unerwähnte Sparte dieser psychologischen Manipulation sind die sogenannten „Daily Soaps“, zu Deutsch „Tägliche Seifenopern“. Sie sind nervend, übertrieben und laufen von Vormittag bis zum frühen Abend, jeder macht sich darüber lustig und keiner nimmt sie ernst aber jeder kennt sie! Umgangssprachlich werden sie auch „Hartz 4 TV“ genannt, da man annimmt dass die Zielgruppe der Stereotyp, des ungebildeten und gelangweilten Langzeitarbeitslosen ist, was in vielerlei Hinsicht sicherlich den Tatsachen entsprechend ist. Allerdings ist zu bemerken, dass auch durchaus schwer und gut arbeitende Gesellschaftsangehörige umfassend über dieses TV Geschehen informiert ist. Warum ist das so, wenn sie doch so lächerlich und nervend sind und eben nur das Klischee des „Hartzers“ sich mit den bescheiden dargestellten Charakteren identifizieren kann? Die Antwort dürfte jeder kennen, der beim Programmhüpfen am Vormittag schon mal an so einer Sendung hängen geblieben ist:  Man schaut eben einfach nur mal rein, und sei es nur um die „Assi-Mama“, welche dort dargestellt wird zu belächeln, außerdem läuft sonst ja nichts (wer interessiert sich denn schon für ägyptische Architektur oder die verheerende Wirkung der Erosion?). Doch genau dieses „nur“ mal reinschauen ist das was die Macher solcher Sendungen wollen. Denn da, die meisten Menschen einen recht stetigen Tagesablauf haben, bleiben sie sehr oft hängen und konsumieren das was sie konsumieren sollen. Warum auch nicht, schadet ja niemanden…

 

Der Aufbau und Hintergrund einer Solchen Sendung, welcher im Verborgenen liegt ist jedoch komplexer und durchdachter als das Machwerk auf dem Flachbildfernseher vermuten lässt. Die Handlung beschäftigt sich meist mit einem alltäglichen Problem: Der EX, Eifersucht, Scheidungskampf, schlechte Noten, Arbeitslosigkeit oder Geldnot sind nur einige Beispiele. Als Rollen stehen immer der/die Protagonist(in), der/die Freund(in) oder sonstiger Wohltäter des erstgenannten und natürlich die intrigante Persönlichkeit, welche meist impertinent, geldgierig und rücksichtslos egoistisch dargestellt wird, als Bonus gibt es dann noch oftmals rettende Anwälte, ein Typus welcher in der gesamten bundesdeutschen Fernsehwelt immer beliebter wird. Als Milieu wird meistens die Unterschicht gewählt, welche man ja als Publikum auserkoren hat (insgeheim natürlich auch die Mittelschicht, welche unterbewusst auf ihre trostlose Zukunft vorbereitet wird).

Der Hintergrund dieser Seifenopern ist die Sensibilisierung der Zuschauer für verschiedene Themen, welche zurzeit oftmals vermieden werden. Hierzu zählen unter anderem:

 

-          Armut (Beschränkung auf einfachste Bedürfnisse)

-          Verfall der klassischen Familie, neues Modell der „Patchworkfamilie“

        (immer positiv dargestellt)

-          Rettender Staat

        (Das Jugendamt hilft, Gerichtsverhandlungen gehen immer zum Vorteil der Armen aus)

-          Dissozialisierung der Gesellschaft (häufig wechselnde Geschlechtspartner, Scheidungen,

         Stalking, krankhafte Eifersucht etc.)

-          Abhängigkeit von zweifelhaften Dienstleistern (Als Helfer und Retter, werden Anwälte,

         Privatdetektive, Lebensberater oder gar Wahrsager hinzugezogen)

 

Zum Schluss winkt dann immer das Happy End; eine gutbezahlender Arbeitgeber kommt aus dem Nichts und interessiert sich brennend für den chronisch arbeitslosen Kevin, durch ein Gespräch mit einem Eheberater ist Mandys krankhafte Eifersucht wie durch ein Wunder verschwunden und durch die Hilfe des sympathischen Advokaten muss der grimmige und gierige Vermieter die „Patchworkfamilie“ mit den sechs Hunden bei sich wohnen lassen oder der feige Papa seine Alimente zahlen. 

Was soll das Ganze im inneren eines Menschen bewirken? Man setzt wenig daran, dass sich die Konsumenten mit den dargestellten Personen zu identifizieren. Denn diese sind meist chaotisch, dissozial und am Rande der Existenz. Niemand will sich mit so jemand vergleichen. Der Sinn und Zweck liegt gerade darin, dass der frustrierte Mittelständler den Fernseher anschaltet um zu sehen wie es jemanden noch schlechter geht als ihm selbst, denn die dargestellten Probleme sind ihm bestens bekannt und allgegenwärtig. Durch die Art und Weise des Aufbaus (durch persönliche Kommentare wirken die Ausstrahlungen wie Dokumentationen realer Personen) und die augenscheinliche Banalität der in ihnen dargestellten Probleme wirken sie authentisch. Auch wenn offensichtlich ist, dass die Handlung gespielt ist verliert der Effekt nicht seine Wirkung ( In einer Zeit als es noch kein Film und Fernsehen gab, erfreute Straßentheater die Gemüter der Bevölkerung und nicht nur einmal musste der Schutzmann eingreifen um den Schauspieler, welcher den Bösewicht mimte vor den wütenden Mengen zu schützen, welche ihn für seine vermeintlichen Untaten richten wollten. Auch der beliebte Schauspieler Christoph Maria Herbs [Stromberg] hat schon sehr einschneidige Erfahrungen mit dieser Art der Massenpsychologie gemacht). Doch zum Glück winkt ja immer der glückliche Abschluss und der Bundesbürger geht mit dem Gefühl ins Bett „am Ende wird doch alles gut“ und so findet sich sein Inneres mit der gegenwärtigen Situation ab, ohne dass sich ein Funken Widerstand regt. Eine Haltung welche bestimmten Machthabern außerordentlich gut gefällt…

 

Doch es gibt noch eine neuere Variante dieser Art der Manipulation, eine die wesentlich effektiver und noch unterschwelliger funktioniert, als die zuerst genannte. Sie soll an der Serie „Berlin – Tag und Nacht“ veranschaulicht werden. Diese Serie ist ähnlich konzipiert wie die oben genannte; eine sogenannte Daily Soap, ebenso die Kameraführung mit den eingespielten Interviehs und auch die Themenbereiche sind ähnlich. Jedoch, und das ist der signifikante Unterschied, bleiben die Protagonisten immer dieselben und somit ändert sich das Klientel nicht. Der Effekt dabei ist, dass die Zuschauer anfangen mit dem einen Charakter zu sympathisieren, den anderen wiederum menschlich ablehnen, somit kommt es subtil zu einer Identifikation mit dem jeweiligen Charakter und somit auch zu einer facettenreicheren Bewertung der Handlungen desselben. Entsprechend werden bestimmte Handlungsweisen kopiert, verinnerlicht und dem eigenen Normen und Wertesystem beigefügt. Doch was genau heißt das? Um das einigermaßen zusammenfassend darzustellen muss man sich mit zwei Instanzen der Protagonisten beschäftigen, die da wären die Protagonisten als Individuum und ihre Lebensweise als Kollektiv.

 

Das Individuum

Die Personen stellen meist sogenannte Archetypen dar, was so viel heißt, dass sie Charakteristika verkörpern welche im Sozialgefüge der Abnehmer (also der Zuschauer) zu finden sind. Wir haben den tätowierten Muskelprotz, welcher jeden Tag in Fitnessstudio läuft, aber in seinem Inneren sich nach Ruhe und Geborgenheit sehnt, wir haben den ausgeflippten der Schlagerstar sein möchte und vom großen Geld träumt, das Partygirl, das leicht beschränkte und somit natürlich blonde rosa Schmusegirl und die eiskalte Karrierefrau, sowie den coolen Macho und die billige Schlampe, auch die Intrigantin darf nicht fehlen. Allesamt oberflächliche Abbilder der jetzigen Partygeneration. Eltern werden meist als ewig junggebliebene „Rapperomas“  oder als erzkonservative Familiendespoten die zu autoritärer Erziehung, welche die Prügelstrafe mit einbezieht, dargestellt. Ein Mittelding gibt es nicht. Auffallen tun die häufig „neudeutschen“ Namen wie Joe, JayJay oder Peggy. Gemeinsam haben sie u.a., dass sie anscheinend keiner übliche, bürgerlichen Arbeit nachgehen, der eine wird über Nacht Schlagerstar, der nächste arbeitet als Künstler, Türsteher oder Barkeeper in der Lieblingsdisco oder als Inhaber eines Hausbootes. Produktionshelfer oder Mitarbeiter im „Facility Management“, wie die modernen Berufe von heute heißen sucht man vergeblich.

 

Das Kollektiv

Noch viel interessanter als die Individuen, denn die sind anscheinend als einzelne nichts wert, ist das Sozialverhalten welches sich dem Zuschauer hier bietet. Vorrangig ist hier die WG – Die Wohngemeinschaft, all die Stories drehen sich nur um dieses eine Thema. Was hat es mit der WG auf sich? Eine WG war immer eine gute Möglichkeit für sehr junge Menschen, welche nur sehr wenig finanzielle Mittel zur Verfügung haben (z.B. Studenten oder Auszubildende) sich dennoch vom Elternhaus zu lösen um selbst Verantwortung zu übernehmen und ein wenig Unabhängigkeit zu genießen. Man sollte sich hier die Begriffe „jung“ und „wenig finanzielle Mittel –sprich arm“ merken. Nachteile an einer WG sind die begrenzte Privatsphäre und der Umstand sich mit anderen einigen zu müssen. Dementsprechend ist die WG normalerweise eine temporäre, also zeitlich begrenzte Angelegenheit. Die Bewohner der BTN WGs sind jedoch nicht in dem Alter in dem man für gewöhnlich studiert oder eine Ausbildung macht, sondern jenseits der dreißig und gestandene Leute und dennoch dreht sich alles in ihrem Leben um die WG. Dies wird besonders deutlich, wenn ein Bewohner die WG verlässt. Wenn dies passiert ist er nicht nur der Buhmann und wird als intrigant dargestellt, nein er wird auch aus der Gemeinschaft ausgestoßen und man hört nichts mehr von ihm. Die einzige Chance auf ein Wiedersehen ist der Einzug in eine andere WG. Die Bedürfnisse der Bewohner sind recht einfach gestrickt: Die WG (an erster Stelle), Sex, Party, Spaß und Geld. Vergeblich sucht man jemanden der sich für Politik interessiert, kritisch gegenüber der Obrigkeit ist, Interesse für Wissenschaft oder ähnliches äußert, kulturelle Neigungen (mit Ausnahme von „moderner Kunst“) verspürt oder einfach nur mal ein Buch liest.

Auch scheint niemand in der WG an Familie oder Kindern interessiert zu sein. All die Hingabe, welche eigentlich diesen Attributen gelten sollte, gilt nur der kleinen, einfachen Welt der WG.

 

Das WG Prinzip ist nichts Neues und so zeigt uns BTN ein utopisches Gesellschaftsmodell der linken Ideenwelt, nämlich jenes der sogenannten Panokratie. Die Panokratie ist eine Gemeinschaftsform, in welcher Menschen, ebenfalls in WGs (sogenannten Moyzellen) ihr Dasein fristen, keinen Eigentumsstand und keine Autorität kennen.

 

So nun bringe man die Eigenschaften der WG, wie arm, kaum Privatsphäre, kinderlos und von der Familie lösend  in kausale Verbindung mit den allseits bekannten Begriffen wie Schuldenkrise, gläserner Bürger, für Ewig (ESM), Kinder und Altersarmut und man hat eine kleine Vorstellung dessen was uns blüht, wenn wir diesen Lebensstil allzu ernst nehmen und BTN gucken, anstatt Bücher zu lesen…

 

Suggestion ist überall und wichtig ist nicht vor ihr weg zu laufen, denn sie findet jeden den sie sucht, sondern sie zu erkennen und wachsam zu sein.

Gez. Hannibal     

hannibal@jugendpinneberg.de

 

 

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