15.05.2010

Die leidige Faschismusfrage

Jeder kennt diesen Begriff. Auf keiner politischen Veranstaltung darf er fehlen. Jedes politische Programm muss sich davon distanzieren. Dabei ist der Begriff des Faschismus eine mächtige politische Waffe, denn geschickt eingesetzt, wird er dazu benutzt den politischen Widersacher zu entmündigen, zu diskreditieren, zu entrechten, ja gar zu entmenschlichen und das alles im Namen des Rechtes und der Demokratie.

“Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!” heißt das ultimative Dogma der Kleingeister. Dieser Satz macht deutlich, wie einfach man eine Meinung, Weltanschauung oder Wertesicht zu einem Verbrechen und damit indiskutabel macht. Die einfache Lösung ist: Nenne das, was du hasst “Faschismus” und schon ist jedweder Angriff darauf legitim. Der Faschist nämlich ist von Grund auf böse und der Feind der freien Welt. Egal wie humanistisch eine Gesellschaft auch sein mag, für den Faschisten darf das Recht nicht gelten. Faschismus darf man nicht tolerieren. Der Faschist ist der “Untermensch“, der keinen Platz in der Gesellschaft haben darf. Ein Faschist wird nicht an seinen Taten gemessen, sondern an den Gedanken und Ideen, die man ihm zuschreibt. Er ist kein Tatverbrecher, sondern ein Gedankenverbrecher. Die Menschen brauchen den Faschismus, um sich selber als besser zu empfinden. Normalerweise herrscht das Dogma “Alle Menschen sind gleich”, das Unangenehme daran ist, dass “ALLE Menschen” auch diejenigen mit einschließt, die man eigentlich gerne ausschließen würde, was aber dem heiligen Dogma zuwider laufen würde. Also muss man etwas schaffen, welches den Menschen entmenschlicht. Das ist im Prinzip nichts Neues. Wir kennen diese Vorgehensweise zum Beispiel aus den Zeiten der Inquisition, wo man Ketzer verfolgte und im selben Atemzug das Wort Jesu Christi verkündete. Normalerweise waren Folter und Mord Todsünden, aber bei Ketzern wurde die Realität plötzlich umgedreht und Folter und Mord wurden zu Wohltaten für die Menschheit. Heutzutage gibt es keine Ketzer mehr, dafür gibt es Faschisten. Alles in allem eigentlich eine tolle Sache - All die Auslebungen unseres freudschen ES (Trieb) sind plötzlich erstrebenswert, wo sie doch in allen anderen gesellschaftlichen Ebenen verboten/verpönt sind. Normalerweise ist das Werfen von Steinen auf Menschen, das Anspucken und Beschimpfen von Menschen in unserer Gesellschaft geächtet. Tauscht man jedoch das Wörtchen “Mensch” mit “Faschist” aus, generieren sie plötzlich zur Zivilcourage.

Nun stellt sich ein wacher Geist natürlich die Frage : Was ist eigentlich Faschismus? Das ist eine intelligente Frage, denn es gibt keine einheitliche Definition und eigentlich möchte sie auch keiner haben, weil ein klar definiertes Wort abgewogen werden kann. Würde man dieser Definition nur in einem Detail nicht entsprechen, wäre das schon eine Argumentationsgrundlage für die Wiederherstellung der eigenen Menschlichkeit. Und da das Wort hauptsächlich von sich selbst als Antifaschisten Bezeichnenden benutzt wird, wäre das für den weiteren Argumentationsverlauf fatal.

Der Ur-Faschismus entstammt dem Geiste Benito Mussolinis und seiner Anhängerschaft. Benito Mussolini war Gewerkschafter im Italien des letzten Jahrhunderts und Mitglied der Sozialistischen Partei Italiens. Der Ursprung des Faschismus liegt also in der linken Ideologie. Das ist deshalb bemerkenswert, da gerade die linke Bewegung sich den Antifaschismus auf die Fahne geschrieben hat. 1919 ging aus den Fasci Italiani di Combattimento (Kampfbünde Italiens) die Faschistische Partei Italiens hervor und erlangte 1922 die Macht in Italien. Die Etymologie des Wortes ist nicht politisch, sondern symbolisch. „Fasces“ zu deutsch „Bündel“, bezogen auf das symbolische Rutenbündel hoher römischer Beamter. Rein von der Wortherkunft her heißt Faschismus also nicht mehr als Bündelung. Das faschistische Italien war ideologisch mit dem Kommunismus verwandt (Aufhebung des Privateigentums der Produktionsgüter, Dogmatismus etc.), denn schließlich entstammte es ja auch dieser Idee. Noch bis 1932 trugen die Schwarzhemden rote Kokarden. Die Staatsführung war autokratisch und bestand aus der Autokratie und dem Klerus (ein Unterschied zum Kommunismus), dazu zeichnete es sich durch Militarismus, Personenkult, extremen Nationalismus und die Unterdrückung von Oppositionen aus. Alles in allem war es nichts, was es nicht schon tausendfach in der Geschichte der Menschen auf allen Kontinenten gegeben hätte. Normalerweise müsste man fragen, was nun an diesem Faschismus so besonderes sei und warum man sich über ein einzelnes System, das gerade mal 23 Jahre existiert hatte und überwunden wurde, so sehr den Kopf zerbricht.
Der historische Faschismus unter Mussolini wird kaum noch erwähnt und ist schon längst in der Versenkung der Geschichte verschwunden. Nur die Bezeichnung ist noch übrig und ist heute ganz anders definiert. Bewunderer des faschistischen Italiens nannten ihre politische Bewegung faschistisch (Pavelic, Mosley etc.), da zu dieser Zeit das Wort noch nicht so negativ benetzt war.
Während und nach des Zweiten Weltkrieges gingen die Alliierten dazu über, jedes unbeliebte System, das irgendwelche Ähnlichkeiten mit dem Mussolini-Faschismus aufwies, als “faschistisch” oder “faschistoid” (faschismusähnlich) zu bezeichnen. Durch die bewusste Bezugnahme der Kriegsgräuel mit dem Faschismus, entstand der kollektive Eindruck, dass der sogenannte Faschismus untrennbar mit dem Krieg und seinen Schrecken verbunden war. Rhetorisch geschickt schafften es die Ideologen der Sowjetunion sogar, den Begriff des Antifaschismus mit dem des Kommunismus zu verbinden. Somit war alles, was die Stalinisten trieben, antifaschistisch motiviert und damit gut oder zumindest notwendig, um das manifestierte Böse, den Faschismus, zu überwinden, egal ob es sich um Genozide, Vertreibungen oder andere Verbrechen handelte. Jeder Feind wurde somit zum Faschist, denn für den galt das Recht nicht, wie man an der Niederwerfung Deutschlands deutlich erkennen kann. Ein weiteres, sehr anschauliches Beispiel ist die Berliner Mauer: War sie reell dafür gebaut, das Deutsche Volk zu spalten und ein bzw. auszusperren, wurde sie einfach antifaschistischer Schutzwall genannt und damit der Eindruck erweckt, sie halte das Übel von der DDR fern. Ein perfider, aber auch gerissener propagandistischer Akt. Diese Entfremdung eines Wortes zu ideologischen Zwecken zieht sich durch die gesamte Nachkriegsgeschichte Europas, aber ganz besonders durch die Deutschlands.

Im Kalten Krieg wurde es still um den Faschismus, denn ein neuer, jedoch temporärer Feind war gefunden: Der Kommunismus. War er zu Zeiten des Krieges Bundesgenosse der Kapitalisten, so war er nun ein Feind bzw. Konkurrent, der den unschätzbaren Vorteil hatte, dass man ihn aufgrund des ideologischen Geschicks seiner Führer nicht Faschist nennen konnte, da in seinem Programm ja bereits der Antifaschismus feststand.
Als der kühle Konflikt durch die Implosion der UdSSR beendet und die Mauer gefallen war, tauchte ein altes Schreckensgespenst im neuen Gewand auf, dass man bis heute Neo-Faschismus nennt. Dieser Begriff hat den Vorteil, dass wenn man ihn benutzt, kein Neunmalkluger daher kommen und ihn als -historisch bezeichnen kann, denn schließlich heißt “Neo” ja „Neu“ und die Schreckenssilben sind dennoch enthalten. So kann man auch heute wieder fleißig die (Neo-)Faschismuskeule schwingen und alles, was einem irgendwie nicht ins Weltbild passt, damit niederknüppeln und sich selbst als antifaschistischer Heros feiern. Das Bemerkenswerte bzw. das Ironische dabei ist, dass das eben gerade die Methoden sind, die jene, die sich damals selbst Faschisten nannten, anwandten. Es kann alles toll sein, wenn man das richtige Feindbild und eine multianwendbare Definition hat.

Ob Faschismus nun Nationalismus, Militarismus, Chauvinismus oder irrealer Antifaschismus ist, bleibt anscheinend jedem überlassen, der die Keule schwingen möchte. Doch das, was alle Faschismen gemeinsam haben, egal ob es sich um Rotfaschismus, Klerikalfaschismus, Nationalfaschismus oder Antifaschismus handelt, ist die Beinhaltung eines Zwanges zu einer bestimmten Weltanschauung. Vielleicht ist diese Definition auch die Beste: Das Aufzwingen Ideologischer Werte, denn das würde den Kampfbegriff des Faschismus entschärfen und wäre ein wertvoller Beitrag zum Frieden. Wer also wirklich Faschismus bekämpfen möchte, sollte es tunlichst vermeiden, Anderen sein Wertesystem aufzuzwingen, denn somit würde er selbst zum Faschisten werden (siehe Beitrag Manifest). Denn, wie bei so vielen Übeln dieser Welt, bekämpft man sie nicht offensiv, sondern durch Verweigerung. So verhält es sich auch mit dem Faschismus.

Im Übrigen sind wir uns der Ironie bewusst, selbst die Faschismuskeule zu schwingen. Aber gerade dadurch wird vielleicht ihre Fatalität zum Ausdruck gebracht.

Gez. Hannibal

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