03.10.2010

Gemeinsam statt einsam


Angenehm warm kitzeln mich die ersten morgendlichen Sonnenstrahlen aus meinem erholsamen Schlaf. Es ist einer dieser Montagmorgen wie er seit Jahren unverändert daherkommt.

Mein Wochenende verbrachte ich alleine in einer Bar am Stadtrand. In dieser Bar saßen viele Menschen alleine. Nicht alle, es gab auch kleinere Gruppen. Ich habe drei gezählt an diesem Abend. Eine Gruppe junger Araber, eine Gruppe russischer Jugendlicher und eine 6 köpfige Gruppe halbstarker Serben. Es herrschte eine unangenehme Stimmung. Keiner traute dem Anderen. Jeder war darauf bedacht so böse wie nur möglich drein zu schauen um klar zu machen wer hier der stärkste ist. Auch den vielen jungen Männern, die alleine ihren Abend auf einem Barhocker mit ihrem Bier verbrachten, war anzumerken das sie auf keinerlei Gespräche Lust hatten. Immer wieder hörte man an diesem Abend die Worte: „Was guckst du hier rüber?“ Gefolgt von: „Halt die Fresse, sonst gibt’s was!“ Einige Biere später verließ ich angetrunken und einsam die Bar um mich mit dem Nachtbus nach Hause fahren zu lassen. Alleine saß ich im hinteren Teil des Busses, schwer konzentriert darauf die anderen finster dreinblickenden Fahrgäste nicht mit einem zufälligen Blick in deren Augen zu provozieren. Die letzten Meter von der Busstation nach Hause zählte ich die vielen Obdachlosen, die in regelmäßigen Abständen meterweit auseinander lagen, saßen und nach ein paar Cent baten. Mir taten diese Menschen unheimlich leid. Ich erkannte einen alten Schulfreund wieder, der dort mit seinem ungepflegten traurig schauenden Schäferhund auf einer Zeitung saß. „Hey Robert!“ rief ich ihm zu. „Was machst du hier auf der Straße? Es ist doch sehr kalt in dieser Nacht. Geh doch eine Straße weiter ins Pik Ass!“ Das Pik Ass war ein Obdachlosenheim indem den Ärmeren unserer Gesellschaft ein warmes Bett sowie Essen geboten wurde. Er erklärte mir, dass er da nicht hingehen wolle, weil ihm dort seine letzten paar Habseligkeiten gestohlen würden. Außerdem würde sein einziger Freund, Scotsch sein Schäferhund, dort nicht geduldet wären. Warum sie alle so weit voneinander weglegen würden, wollte ich wissen. Ob es nicht angenehmer wäre in so schweren Zeiten, mit anderen Leidensgenossen gemeinsam die harten Nächte zu verbringen. Darauf lachte er nur und machte mir deutlich: „Auf der Straße muss jeder selber sehen das er zurecht kommt!“

Nach mehrmaligen Umdrehen und wälzen in meinem gemütlichem Bett, überredet mich die Sonne nun doch unter die Dusche zu springen und meinen Tag zu beginnen. Nun aber los, sonst komme ich zu spät zur Arbeit. Auf dem Weg zur Straßenbahn noch kurz beim Zigarettenautomat anhalten. Ein Blick ins Portemonaie verrät mir, dass ich gar kein Kleingeld habe. Freundlich frage ich die ältere Dame links von mir, ob sie mir vielleicht meinen 20€ Schein wechseln würde. Doch diese ergreift nur verschreckt, ihre Handtasche umklammernd, die Flucht vor mir. Diesen Morgen wird es wohl nichts mehr mit einer Zigarette vor der Arbeit. Jetzt aber zügig, höre ich meine Gedanken. Bei zu spätem Erscheinen im Büro kennt mein Chef kein Spaß. „Zeit ist Geld!“ höre ich seine Stimme sagen. Ich habe Glück! Als ich um die Ecke biege sehe ich die Straßenbahn 30 Meter vor mir stehen. 20…,10…. Ein kurzes Handzeichen, welches dem Fahrer signalisieren soll das ich noch mit wolle… WEG! Die Straßenbahn fährt an diesem Morgen ohne mich.

20 Minuten vergehen bis die nächste Straßenbahn kommt. Ich steige ein und wundere mich eigentlich nicht mehr über den Anblick von sitzenden jungen Menschen und gleichzeitig stehenden, an den Deckengriffen klammernden älteren Damen. Es ist 9:15 Uhr als ich die Tür im sechsten Stock des Bürogebäudes in dem ich arbeite aufstoße. Ich bin verschwitzt, da ich die Treppe benutzen musste. Irgendein Witzbold hatte alle Knöpfe des Fahrstuhls gedrückt, so dass es eine halbe Ewigkeit gedauert hätte bis der Lift gekommen wäre. Wie erwartend hole ich mir meine Standpauke wegen des Zuspätkommens ab. Außerdem hatte meine Kollegin Gabi wohl dem Chef berichtet, dass ich am Freitag vergessen hatte das Licht aus zu machen. Wäre aber nicht so schlimm, soll Gabi gesagt haben. Sie hätte es dann ausgemacht.

Pünktlich um 12:30 fahre ich zur Mittagspause runter, um unten an der Straße endlich meine erste Zigarette zu rauchen. Unten beobachte ich das selbe Treiben wie jeden Tag. Auf dem Spielplatz gegenüber sitzt eine 20 köpfige Gruppe Jugendlicher. Sie rauchen, trinken Bier und wissen anscheinend nicht so recht etwas mit ihrem Tag anzufangen. Einmal erklärte mir einer dieser Jugendlichen, dass es zwar ein Jugendzentrum in der Stadt gäbe, sich dort aber keiner von den Deutschen rein trauen würde. Aus Angst von den überzähligen türkischen Jugendlichen verprügelt zu werden. Auf die Frage warum sie nicht in den ortsansässigen Fussballclub „FC Kulturverein deutsch – türkische Freundschaft“ gehen würden, wurde mir erwidert, dass dort leider nur türkisch gesprochen wurde und sie die Anweisungen des Trainers nicht verstehen würden. Außerdem sei es nahezu unmöglich in dem Verein als Deutscher anerkannt zu werden. Einer der Jugendlichen hatte es versucht, hat den Verein aber nach kurzer Zeit wieder verlassen, weil er dem ewigen Mobbing der türkischen Mitspieler ausgesetzt war. Der weitere Verlauf meines Arbeitstages verläuft wie jeden Tag. Telefonieren, Besprechungen, Kopieren. Susi fragt Gabi später dann noch ob sie vielleicht am Freitag den Dienst mit ihr tauschen könnte, da doch die Beerdigung ihrer Tante sei. Leider sei das aber nicht möglich, weil Gabi doch an diesem Freitag zum Kaffee bei ihrer Freundin eingeladen ist.

Um 17:30 Uhr habe ich dann endlich Feierabend. Ich entschließe mich die 4 Km nach Hause zu Fuß zu laufen. Ich durchquere eine lange Einkaufsstraße in der reges Treiben herrscht. Das Bild ist geprägt von hunderten Menschen, die zum großen Teil telefonierend und schnellen Schrittes in verschiedene Richtungen laufen. Die Atmosphäre erscheint mir hektisch. Jeder hat mit sich selbst zu tun. Ein kleines Mädchen weint am Straßenrand und ruft nach ihrer Mutter. Doch die Menschen haben anscheinend Feierabend und wollen eiligst nach Hause. Keiner kümmert sich um das Mädchen. Auf der anderen Straßenseite sehe ich einen Mann mit einer Handtasche wegrennen. Die augenscheinliche Eigentümerin der Tasche ruft um Hilfe. Aber die vielen Menschen bilden, wohl erschrocken vom Anblick des auf sie zu rennenden Mannes, ein Spalier und lassen den Dieb entkommen. Vor Entsetzen und Schrecken fällt mir meine Mappe mit Kopien der letzten Besprechung aus der Hand. Schnell versuche ich alle meine Papiere von der Straße zu bekommen. Dies ist leider nicht ganz einfach, da die vielen Menschen es so eilig haben nach Hause zu kommen, dass meine Unterlagen teils mit Fußabdrücken versehen meterweit weg geschleudert werden.

Noch schnell in den Supermarkt rein um mir eine leckere Tiefkühlpizza zu kaufen, muss ich leider noch etwa 10 Minuten an der langen Kassenschlange anstehen. Eine ältere Dame mit Gehwagen bittet einen jungen Mann mit vollgepackten Einkaufswagen in der Schlange um Vortritt. Sie hätte doch lediglich 2 Äpfel zu bezahlen und könne gesundheitsbedingt nicht so lange stehen. Doch dieser junge Herr hat wohl selber nicht viel Zeit und straft dieses Anliegen mit Schweigen. Vor meinem Hauseingang angekommen, sieht mein Nachbar wohl zu spät oder gar nicht, dass ich nur wenige Meter hinter ihm laufe und so zieht er die Hauseingangstür knapp vor meinem Erreichen zu. Ich krame in den Tiefen meines Rucksacks nach meinem Schlüssel betrete den Hauseingang, erreiche meine Wohnung und habe nun endlich diesen anstrengenden Tag hinter mir Bei einem Feierabendbierchen noch schnell die 21 Uhr Nachrichten vorm Schlafengehen schauen:
- Drei Tote bei Schießerei in Berlin Kreuzberg
- Massenentlassungen im Autowerk
- Seit sieben Tagen vermisstes Kind tot aufgefunden

Wehmütigen Gedankens liege ich im Bett und denke, ob das alles ohne Alternative ist. Ist es normal, wenn die Gesellschaft dermaßen krank ist? Ein "Wir"-Gefühl gibt es nicht mehr.. und leise dämmert es in Gedanken und fühlbar aus dem Bauch heraus, dass es mehr geben muss, dass es auch nicht nur ein Wort sein darf, wenn ich es schillernd höre: Volksgemeinschaft.

Gez. Spence

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